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Warum die Kanone im Schlosshof nie abgefeuert wurde

Winsen-Zeitreise-Mittelalter

Chantal Philipp

Autor

Das Winsener Schloss hat sich über Jahrhunderte immer wieder wehrhaft gezeigt, hat Belagerungen, Streitigkeiten und sogar Kriege überdauert... aber die Kanone im Hof wurde dennoch nie abgefeuert. Warum?

Das Winsener Schloss ist eine mächtig anzusehende, dreiflügelige Anlage aus Backstein. Früher stand dort eine Burg, die später zum Schloss umgebaut wurde. Der freie Blick in den Innenhof war so auch nicht immer möglich – ursprünglich hatte das Schloss 4 Flügel.

Erbaut wurde das eigentliche Schloss um 1300 herum – die Burg am Übergang der Luhe, aus der das Schloss entstanden ist, gab es vermutlich schon vor 1277. Eventuell wurde das Schloss gebaut, als Winsen durch den Wegfall von Bardowick als Handelsplatz immer mehr an Bedeutung gewann. Wer mehr darüber wissen möchte (und erfahren will, warum Heinrich der Löwe Bardowick niedergebrannt hat), der kann sich die weiteren Banner der Lernbaustelle und die dazugehörigen Beiträge über die QR-Codes ansehen.

In den Jahren bis 1329 wurde das Schloss weiter ausgebaut, unter anderem durch Otto den Strengen, der wohl auch einige Amtsgeschäfte von dort aus führte.

1371 begannen die Lüneburger Erbfolgekriege. Der vorherige Fürst war ohne Nachkommen verstorben und es entbrannte ein Streit zwischen Welfen und Askaniern um den rechtmäßigen Erben. Kaiser Karl IV. belehnte Askanier mit dem Fürstentum, obwohl Herzog Magnus Torquatus der Meinung war, er wäre nach welfischem Hausgesetz nun rechtmäßiger Fürst von Lüneburg.

Die Stadt Lüneburg aber unterstützte den Askanier Albrecht und die Bürger zerstörten die herzogliche Burg Magnus' auf dem Lüneburger Kalkberg.

Dergestalt seines Sitzes beraubt verlegte MAgnus die Hälfte der Obervogtei des Landes nach Winsen und seinen eigenen Sitz nach Celle.

Schloss Winsen

Herzog Albrecht ließ das nicht auf sich sitzen und zog gegen Winsen. Er schaffte es auch, die Stadt einzunehmen... das Schloss aber konnte er nicht erobern.

Von nun an diente das Schloss als Großvogtei in Winsen und verwaltete die Güter des nördlichen Fürstentums Lüneburg.

Nach nur einer kurzen Zeit relativer Ruhe wurde das Schloss schon wieder belagert – diesmal auf Grund von Satekriege in Lüneburg. Die Lüneburger Sate war eine Art Vereinbarung zwischen den Landesherren und den Bürgern bzw. dem niederen Adel, um sicherzustellen, dass niemand benachteiligt oder unfair behandelt wird. Die Bürger/der niedere Adel konnte diese Vereinbarung fordern, da sie große Macht während der Lüneburger Erbfolgekriege erreicht hatten – sowohl die Welfen als auch die Askanier mussten damals, um sich die Streitkraft der Städte und des Adels zu sichern, diesen einiges an Land und Macht zusichern.

Mit dieser Situation waren die Landesherren so gar nicht zufrieden, und daher versuchten sie immer wieder die Sate zu schwächen. Das ging so weit, dass 1396 einige Herzöge Uelzen eroberten und die Stadt zwangen, aus der Sate auszutreten. Auch Lüneburg sollte belagert und gezwungen werden, den Herzögen Treue zu schwören statt Mitglied der Sate zu bleiben.

Die Hansestadt Lüneburg aber wandte sich an die Hansestädte Hamburg und Lübeck und bekam deren Unterstützung – auch militärisch.

Ab Mai 1396 gab es zahlreiche Schlechten im Lüneburger Umland – Landesherren gegen Landesstände.

Dabei wurde auch das Schloss Winsen durch die vereinigten Hamburger, Lübecker und Lüneburger belagert, jedoch vergeblich.

Nachdem die Parteien des Satekriegs Frieden geschlossen hatten, blieb das Schloss ein wichtiges Amts/Vogtei/Regierungsmittel aber ging verpfändet an Hamburg und Lübeck. Später ging es wieder in den Besitz von Lüneburg und zeitweise sogar an die Kurfürsten von Sachsen.

Seit 1503 ist das Schloss Sitz des Amtes Winsen.

Von 1592 bis 1617 war das Schloss sogar Witwensitz der Herzogin Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (mehr dazu auf einem der weiteren Mittelalter-Banner auf der Lernbaustelle). Sie ließ das Schloss stark umbauen und renovieren, mit dem Wappen der Herzogin als Portalschmuck, einer schönen Kapelle, sowie einem Lustgarten. Auch der Marstall wurde von ihr in Auftrag gegeben.

Was kaum jemand weiss: sogar schaurige Hexenprozesse haben am Schloss stattgefunden.

Epitaph zur Erinnerung an Dorothea (Dguendel, CC BY-SA 4.0 www.creativecommons.org, via Commons Wikimedia)

Im 30-jährigen Krieg musste sich das Schloss – nun mit neuem Gesicht, aber immer noch wehrhaft – erneut beweisen. Die Dänen haben 1627 die Stadt angegriffen, Bürgerhäuser abgebrannt und Chaos gestiftet. Das Schloss aber konnte erfolgreich verteidigt werden. Ein Jahr darauf übernachtete der Feldherr der katholischen Liga, Tilly, auf dem Schloss um seine Wunden zu kurieren. Später hielten sich die Schweden im Schloss auf, bis sie 1637 Schloss und Städte verließen.

Die Befestigungen rund um das Schloss wurde abgebaut und in den folgenden Jahren blieb das Schloss als reiner Amtssitz von Winsen im Nutzen.

Und die Kanone, bleibt die Frage?

Tja, die wurde niemals zur Verteidigung genutzt – denn die 1863 im belgischen Lüttich produzierte Kanone wurde erst 1917 als Dekoration vom Landrat Friedrich Ecker aufgestellt.

Detailansicht Kanone im Schlosshof (An-d, CC BY-SA 3.0 www.creativecommons.org, via Wikimedia Commons)

Quellen: Headerbild Kanone im Winsener Schlosshof (An-d, Wikipedia);Quellen einiger Bilder auf dem zu diesem Beitrag gehörigen Banner: Kanone: Christian der Vierte, CC BY-SA 4.0 Creativecommons, via Wikimedia Commons, Schloss Winsen: An-d, CC BY-SA 3.0 Creativecommons, via Wikimedia Commons

MEHR INFOS ZUR LERNBAUSTELLE: www.winsen-2030.de

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