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Warum es in Winsen mehr als 10x auf die Glocke gab

Winsen-Zeitreise-Mittelalter

Chantal Philipp

Autor

Die St. Marien-Kirche in Winsen hat über die Jahrhunderte einiges an Umbauten und Wiederaufbauten erleben müssen. Besonders den Turm und die Glocken hat es dabei mehr als nur einmal erwischt...

Wo heute die Winsener St. Marien-Kirche steht, stand wohl vor 1233 (als die Kirche erstmals urkundlich erwähnt wurde) eine andere Kirche. Diese war deutlich kleiner und wurde vermutlich durch die größere Kirche ersetzt da die Stadt damals stark gewachsen ist. Heute überdeckt ein Teil des Seitenflügels der neuen Kirche Stücke des alten Friedhofs!

Die erste Glocke bzw. der erste Glockenturm ist also mit dem Verschwinden der alten Kirche ebenfalls verloren gegangen.

Die St. Marien-Kirche ist eine spätgotische Hallenkirche – hier in Norddeutschland nannte sich die Stilart »Backsteingotik«. Mit dem Bau wurde wahrscheinlich um 1415 begonnen. Maßwerk und Friese bleiben ein vorherrschendes Stilelement, nur eben alles aus Ziegelmauerwerk. Oftmals waren die Gebäude der Backsteingotik aber weniger verziert als ihre rein gotischen Pendants und wirkten wuchtiger.

'Die Fassade der St. Marien-Kirche

(Andree Werder, CC BY-SA 4.0 www.creativecommons.org;
via Wikimedia Commons)

Die neue Kirche erhielt ein Seitenschiff und ein Gewölbe im Langhaus, das allerdings nie vollendet wurde (man kann heute noch im Innenraum den Übergang vom Gewölbe zur schlichten Holzdecke sehen).

Generell wurde sit der Reformation die Einrichtung immer wieder verändert.

Der meiste Teil der Inneneinrichtung kommt aus der großen Umgestaltung in den 1950ern.

Seit 1656 gibt es beispielsweise erst eine erwähnte Orgel, und die heutige Orgel stammt aus 1960.

Gewölbe der St. Marien-Kirche (Andree Werder, CC BY-SA 4.0

www.creativecommons.org,
via Wikimedia Commons)

Zurück aber zum Turm und den Glocken:

Der Dachstuhl/Dachreiter und Glockenturm damals war aus Holz – und damit ein leichtes Opfer für Feuer.

  1. 1585 brannte der Turm komplett ab und wurde durch eine Spende der Herzogin Dorothea (mehr zu dieser Frau gibt es auf den anderen Bannern der LERNBAUSTELLE) wiederaufgebaut – allerdings wieder aus Holz.

  2. 1627, im 30-jährigen Krieg, wurde der Glockenturm schon wieder abgebrannt, als die Dänin die Stand in Brand geschossen hatte.

  3. Die 4 Glocken im Turm waren mittlerweile so beschädigt, dass sie umgegossen werden mussten.

  4. 1663 entschied man sich, den Turm auf einem höheren Steinsockel wiederaufzuubauen – dieser wurde 1664 fertiggestellt, allerdings mit dem oberen Teil des Turms wieder aus Holz. Dieser ist 1822 erneut abgebrannt, als ein Blitz einschlug.

  5. Nur eine der 4 Glocken des Turms überlebte diese Hitze – die restlichen Glocken snd unter der Hitze verschmolzen.

  6. Erst 1827 waren endlich neue Glocken fest in Winsen angekommen. In den Jahren zwischen 1830-1837 gab es mehrere Versuche neue Glocken zu beschaffen (ein Geläut aus Stahlfedern, ein Geläut aus Stahlstäben von einem Schmiedemeister aus Roßlau, später dann final ein Geläut der Solinger Hütte). Diese Glocken wurden allerdings nicht in einen Turm gesetzt, sondern in extra dafür erbaute Dachreiter.

  7. Dieser Dachreiter war leider nicht ganz so stabil wie gedacht – Fachleute mahnten schon um 1850, dass der Dachreiter eine Gefahr für die Kirche darstellte. Es entstanden daraufhin mehrere Entwürfe für einen stabilen Kirchturm, die allerdings erst 1895 in die Tat umgesetzt werden sollten als ein Baumeister der Hannoverschen Landeskirche kam und deutlich machte, dass das Dach bald einstürzen würde sofern man den Dachreiter nicht entfernt. Im August also wurde endlich beschlossen einen neuen, notgotischen Turm nach den Plänen des Winsener Architekten Eduard Schlöbcke zu bauen. Am 2. Juli 1899 wurde dieser Turm eingeweiht (die 4 neuen Glocken wurden schon 2 Jahre vorher geweiht). Der neue Turm hatte eine Höhe von 62 Metern.

  8. Das neue, verstimmige Geläut der Glockengießerei Otto schallte in den folgenden Jahren durch Winsen, und überdauerte sogar den ersten Weltkrieg. Im zweiten Weltkrieg allerdings wurden einige der großen Glocken zur Metallspende ausgebaut.

  9. Nach Ende des Krieges erhielt die Stadt zwei Glocken aus Ostpreußen, die im Dezember 1951 aufgehängt wurden. In den 80ern wurde bei Reparaturen am Turm sogar eine Zeitkapsel innerhalb der Turmkugel gefunden, in der eine alte Zeitung, Münzen und Rezepte für Heiltinkturen gefunden wurden.

  10. Im Jahr 2000 schließlich wurden zwei weitere große Glocken angeschafft, um wieder auf den Klang des alten Geläuts zu kommen. Seitdem haben wir im Turm der Marienkirche 5 Glocken.

Die St. Marien-Kirche in Winsen (hh Oldman, CC BY 3.0

www.creativecommons.org, via Wikimedia Commons)

Quellen: Headerbild Glocken im Kirchturm der St. Marien-Kirche in Winsen (Andree Werder, CC BY-SA 4.0 www.creativecommons.org, via Wikimedia Commons; Quellen einiger der Bilder auf dem zu diesem Beitrag zugehörigen Banner: Kirche klein (Radler59, Wikipedia). Kirche groß (Andree Werder, CC BY-SA 4.0 Creativecommons, via Wikimedia Commons) Kirche Detail (Andree Werder, CC BY-SA 4.0 Creativecommons, via Wikimedia Commons)

MEHR INFOS ZUR LERNBAUSTELLE: www.winsen-2030.de

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